Der nächste Gesprächskreis für Erwachsene ist am Mittwoch, den 21.11. ab 19:30 Uhr. Gesprächskreise für Eltern finden auf Anfrage statt.

Kurzgeschichte: Im Park
(unter ADHS im Erwachsenenalter)

Reportage "Leben mit ADHS" auf Youtube
https://youtu.be/zjQFs-_pCmA

Ort:

Alte Linner Str. 94
47799 Krefeld
in der Praxis für Ergotherapie

ADS/ADHS-Krefeld
Mitglied bei Juvemus

ads-krefeld(at)arcor.de

Hauptsymptomatik

 

Beschreibung der Hauptsymptomatik von Cordula Neuhaus 

Bei - bezüglich der Hauptsymptomatik dieser nach internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen neurobiologischen Verursachung - dieser Art, die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren, ist das Syndrom gekennzeichnet durch Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche mit interessierter Offenheit für alles und jedes, „so nebenher", auch Ablenkendes.
Es besteht eine Hypersensibilität auf der Ebene der Reizaufnahme – mit oft verblüffend gutem Orientierungssinn, einem „Elefantengedächtnis" für Kleinigkeiten aus der Vergangenheit, einem intuitiven Erspüren von Stimmungen und Schwingungen. – In unserer reizintensiven Welt mit ständigen Veränderungen und zunehmender Feindseligkeit nicht ganz einfach....

Daneben imponiert eine erhebliche Impulsivität in Form einer mangelhaft ausreifenden „automatischen Verhaltenskontrolle" (d.h. ohne Einsatz von „Willen und Verstand"), die nonverbalen wie auch die verbalen Arbeitsspeicherkapazitäten bleiben zu klein. Ein automatischer ständiger Abgleich mit Vorerfahrungen kann daher nicht erfolgen, entsprechend bleibt das „Zeitfenster" im Hier und Jetzt.

Ein innerliches Anleiten durch „mit sich Sprechen" entsteht nicht. Es entwickelt sich keine frontalhirngesteuerte Dämpfung der Gefühle bis etwa zum Einschulungszeitpunkt, bei typischerweise raschen und heftigen Stimmungsschwankungen bis hin zu regelrechten „Gefühlsabstürzen".

Blitzschnell wütend, total begeistert, stinkesauer – auch verliebt bis zum Verschmelzungswunsch und hassend aus tiefstem Herzen, all dies oszilliert – nur die gefühlsmäßige „Mittellage" gibt es nicht. Entsprechend kann auch bei viel Mißerfolg ein spontaner Wunsch entstehen, nicht mehr leben zu wollen, die Befürchtung der Befürchtung ist hochangstvoll schnell entstanden.

Motivation besteht immer nur kontextabhängig. Sie ist da oder nicht bei diesem „Syndrom der Extreme".

Nach Analyse eines Gedankengangs kann nicht mit „Einbau" von Altdaten aus dem Langzeitspeicher am Thema bleibend die Gedankenspur weiterverfolgt werden – Abschweifen, vom Hundertsten ins Millionste kommend, Rechtfertigung schon bevor Kritik fertig geäußert ist, mit ständig noch einem „Nachschieben" eines Arguments, ist daher an der Tagesordnung.

Die sogenannten „Ausführungsfunktionen" des Stirnhirns (wie beschrieben) braucht das kleine Kind zur Erfüllung der Entwicklungsaufgabe, zum Zeitpunkt des Schuleintritts abwarten und eine Frustration aushalten zu können. Das Schulkind, der junge Jugendliche benötigt sie für den Erwerb der Kulturtechniken und den Erwerb der Sozialregeln, der ältere Jugendliche und Erwachsene zur Selbsteinschätzung und zur automatischen Selbstkontrolle sowie der Selbstüberwachung.

Eine Dysregulation vor allen Dingen der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, eine Fehlverteilung aber auch von Blut und Glukose, vor allen Dingen im vorderen Bereich des Gehirns, wird durch immer mehr Forschungsergebnisse belegt, ebenso wie strukturelle Unterschiede bezüglich der Größe einiger Gehirnareale. Auffällig ist bei Menschen mit ADHS darüber hinaus, dass die innere Wachheit dann vollständig gegeben ist, wenn etwas neu, spannend und interessant ist, sonst erfolgt schlagartiges Ermüden oder Unruhigwerden.

Viel zu wenig Beachtung findet (noch) die Vigilanzdysregulation, die unter anderem Copps 1996 und Brown 1998 als einen zentralen Faktor bei der Aufmerksamkeits-störung sehen.

Ist etwas interessant, spannend oder neu aus der subjektiven Sicht, so der 13-jährige Benjamin, „ist das Gehirn an wie ein Weihnachtsbaum am Heiligen Abend, allerdings wenn nicht, dann hat das Gehirn sofort `Bildschirmschoner` an", (bei Schwierigem, Langweiligem erfolgt schlagartiges „Ermüden", Abdriften, oft gekoppelt mit dem Gefühl des Unwohlseins).

Viele kämpfen daneben mit dem mangelhaften Dosierenkönnen grober Kraft, die unwillkürlich gesteuerte feinmotorische und graphomotorische Geschicklichkeit/Flüssigkeit entwickelt sich deutlich langsamer. Die Schrift ist in aller Regel krakelig, die Hand verkrampft beim schnellen Schreiben, die Kinder und Jugendliche werden zum Schluß der Arbeit langsamer, Flüchtigkeitsfehler sind gehäuft zum Ende unmittelbare Folge!

Verblüffend für das Umfeld ist immer wieder, dass vieles scheinbar (bei hoher Motivation) eben doch geht, „wenn man nur will" – Fakt ist allerdings, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS durchaus wollen, aber leider nicht so wollen können, wie sie wollen sollen und früh irritiert sind durch ihre Misserfolge – und natürlich über die Reaktionen aus dem Umfeld.

ADHS ist keine Entschuldigung, es ist eine Erklärung.

Es ist aber sehr nötig, diese Art, die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren, in ihrer andersartigen Funktionssteuerung zu verstehen.

Nicht von ADHS betroffene Jugendliche und Erwachsene haben die Weitwinkelperspektive für vieles oder aber sie können, wie mit dem Zoom einer Kamera, Aufmerksamkeit stufenlos zentrieren, bis zu einem Niveau, bei dem sie noch erreichbar sind für eine Korrektur oder ein Stop-Signal.

Jugendliche und Erwachsene mit ADHS haben die Weitwinkelperspektive für viel zu viel oder aber sitzen im „Hyperfokus der Aufmerksamkeit" (und die Welt versinkt um sie herum, etwa beim Computerspielen) und hängen leider auch quasi an der „Angel" ihrer extremen Gefühlslage, sind nicht erreichbar für Korrektur, Stop-Signale, und/oder Beschwichtigungsversuche, haben größte Probleme mit plötzlichen Veränderungen, Übergängen von einer Situation in die nächste.

Zusammen mit dem Symptom der Impulssteuerungsschwäche, die hinter der mangelhaft ausreifenden Verhaltenskontrolle liegt, ist die Verarbeitungsqualität, in Abhängigkeit von der deutlich kürzeren Verarbeitungszeit, eingeschränkt.

„Normgesteuerte", d.h. nicht von ADHS betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene halten eine Aufgabe, eine Aufforderung, zunächst im Arbeitsspeicher. Sie haben natürlich auch „eine erste Spontanidee ihres Gehirns", gehen aber in den Realitätsabgleich und in den Vergleich mit Altdaten aus dem Altspeicher, bevor reagiert wird.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS folgen der „Spontanidee" ihres Gehirns, ohne ausreichend abzugleichen. Dadurch entsteht der sogenannte oberflächlich abtastend, überhüpfende Wahrnehmungsstil, der ausgesprochen fehlerträchtig ist.

Sätze beginnen häufig mit „Ja, aber", mitten hineinplatzend in eine noch nicht einmal fertige Äußerung des Gegenübers, auch in eine Kritik.

Die Endzustände sind leider immer extrem bei Spontanantworten des Gehirns. Ein Austausch mit dem „inneren Lexikon" findet nicht statt, eine automatische innere Uhr läuft nicht mit.