Der nächste Gesprächskreis für Erwachsene ist am Mittwoch, den 21.11. ab 19:30 Uhr. Gesprächskreise für Eltern finden auf Anfrage statt.

Kurzgeschichte: Im Park
(unter ADHS im Erwachsenenalter)

Reportage "Leben mit ADHS" auf Youtube
https://youtu.be/zjQFs-_pCmA

Ort:

Alte Linner Str. 94
47799 Krefeld
in der Praxis für Ergotherapie

ADS/ADHS-Krefeld
Mitglied bei Juvemus

ads-krefeld(at)arcor.de

Im Park

Im Park
„Three… two... one… I´ll open the door, do you copy?“ *chrrit*
„Copy that: open door“ *chrrit*
Störgeräusche dringen aus den Kopfhörern des Funkgerätes.
In der nur spärlich rot erleuchteten Kabine des Hubschraubers klingt die Stimme des Piloten sehr weit weg. Es fühlt sich nicht so an, als wäre er in diesem entsetzlichen Sturm nur wenige Schritte von mir entfernt im Cockpit, sondern Kilometer weit weg und ich säße hier ganz alleine. Mit ganzer Kraft stemme ich mich gegen die Seitentür des Helikopters. Im Dowen rush der Rotorblätter jagen eisige Regentropen an mir vorbei in die Tiefe. Kurz blitzen sie im grellen Licht des Suchscheinwerfers, dann verschwinden sie im bitterkalten Meer. Unter mir breitet sich ein gigantisches Inferno aus. Eine Ölbohrplattform ist mitten in der baltischen See explodiert und es ist mein Job, zu retten, wer noch zu retten ist. Schnelle Entscheidungen müssen gefällt werden. Ich blicke auf den brennenden Ölfilm, welcher die windgepeitschten Wogen unter mir direkt in den Vorhof der Hölle verwandelt. Männer werden wie Spielfiguren hin und her geschmissen. Manche klammern sich verzweifelt an Trümmerteile, andere treiben in ihren Schwimmwesten, wieder andere sind bereits tot und treiben mit dem Rücken nach oben.
Meine Entscheidung, wen rette ich zu erst.
„Your move!“ brüllt mir die Frau an der Winde durch den Lärm zu. Ich soll springen und dem ersten der Männer, welche dort um ihr Leben kämpfen die rettenden Schlinge unter den Armen hindurch schieben. Die Frau an der Winde wird sie nach oben ziehen, hinaus aus diesem Horror aus kaltem Eiswasser und brennendem Öl. Und mich wird sie wieder nach oben ziehen, egal, wenn ich auch als erstes, oder als letztes retten werde.
Wen rette ich zuerst?
Der Suchscheinwerfer erfasst einen Mann der mit dem Gesicht nach unten treibt, nur bewusstlos, doch bin ich nicht schnell und wachsam genug, sinkt er in sein nasses Grab. Er scheint meine Konzentration zu sein.
Der Entkräftete, der sich immer wieder auf ein Stück Treibgut zu ziehen versucht, abrutscht, Halt findet und dann wieder ins Wasser zurück fällt, das ist meine finanzielle Situation: besorgniserregende, aber halbwegs in Sicherheit. Trotzdem, immer wieder im Fokus des Suchscheinwerfers.
Ein Mann klammert sich an eine Rettungsinsel. Er versucht sie zu öffnen. Gelingt es ihm, so hat er sich selbst gerettet. Mein Studium. Hätte der Mann Hilfe, von dem, der mit dem Gesicht nach unten treibt, so wäre es ihm bestimmt schon gelungen, die Rettungsinsel zu entfalten.
Ein weiterer Mann treibt in einer defekten Schwimmweste. Sie kann ihn retten, kann aber auch genauso gut nutzlos sein. Die Weste ist in jedem Fall mit Argwohn zu betrachten. Meine Medikamente.
Und so wie diese Männer treiben und auf und unter tauchen, tauchen noch dutzende weitere auf. Drohen in dem kalten Meer aus Altem, aus Traurigen, aus noch Unbewusstem unter zu gehen.
Oder sie werden von den Flammen bedrängt, meiner ständigen, gehetzten Rastlosigkeit im Kopf.
Ich will mich nicht in die Tiefe stürzen, ohne die Entscheidung getroffen zu haben, wen ich zuerst rette. Dort unten werde ich entsetzlich langsam sein, denn das Wasser ist nur mal nicht mein Element. Entscheide ich mich, den einen zu retten und schwimme auf ihn zu, so muss ich es durch ziehen. Wechsele ich unterwegs die Richtung, um zu einem anderen zu schwimmen, so gefährde ich beide Männer. Den, zu dem ich wollte und den, den ich diesem vorzog.
Die Entscheidung ist so verdammt hart. Entscheiden, springen, schwimmen, retten. JETZT! LOS!
So fühlt sich mein Leben fast jeden Tag an.
„Na komm, lass uns weiter gehen“ sagt die Frau neben mir und wir erheben uns von der Parkbank. Ich werfe den treibenden Stöckchen, Blättern und Papierchen, welche auf den See im Park schwimmen, einen letzten Blick zu. Das Szenario, welches noch vor Sekunden so dramatisch in meinem Kopf tobte, entzerrt sich.
Meine Hand wird sanft und warm gehalten.
„Was essen wir denn gleich noch?“ werde ich gefragt.
Links von mir rascheln zwei Blätter aus dem Baum und umkreisen einander trudelnd. Ich muss mich zusammen reißen, damit ich antworten kann.
Wenn ich jetzt einen Sekundenbruchteil nicht aufpasse, dann werden aus den Blättern zwei Flugzeuge. Dann entbrennt ein erbitterter Luftkampf, zwischen Manfred von Richthofen, dem roten Baron in seinem roten Dreidecker und einem jungen Britischen Offizier der Royal Airforce in einem grünen Doppeldecker, über den unheilvollen Schützengräben des ersten Weltkrieges in Frankreich…
„Lass uns was Ungesundes in den Backofen schieben und dann gucken wir eine Serie“ schlage ich vor, während wir zum Auto gehen.
„Und zum Nachtisch essen wir Eis“ strahlt sie mir entgegen.
n. n.